Interview mit ETF-Experte Dr. Jürgen Nawatzki

Dr. Jürgen Nawatzki ist ETF-Experte und der Kopf hinter das ETF-Blog.

 

Nach seiner Promotion war er mehrere Jahre Finanzberater bei der MLP Finanzdienstleistungen AG in Hamburg. Dort hat er junge Akademiker in allen finanziellen Fragen beraten und ist heute bestens für seine Zielgruppe, die Millennials, gerüstet.

 

In der Rolle des Verkäufers, der sein Geld mit Provisionen verdient, fühlte er sich nicht besonders wohl. Er versteht sich eher als Berater. Über Umwege kam er zum Schreiben, dem heute seine absolute Leidenschaft gilt.

 

Mittlerweile ist er Autor mehrerer Bücher und glücklich als Journalist, Buchautor und Blogger. Zusätzlich hat er in den letzten Jahren zahlreiche Artikel für verschiedene Finanzportale im Internet geschrieben.

 

Wir sind froh einen echten ETF-Experten zu der ETF-Thematik befragen zu dürfen.

Depot Vergleich
Girokonto Vergleich
Tagesgeld Vergleich
Jürgen Nawatzki

Du hast mit das ETF-Blog ein ganzes ETF-Archiv aufgebaut. Seit wann bloggst Du und warum gerade über ETFs?

Ich betriebe meinen Blog seit Mai 2015 und es war für mich von Anfang an klar, ETFs in den Vordergrund zu stellen.

 

Ich habe ja einen Hintergrund als MLP-Berater und verstehe ein bisschen etwas von Geldanlage und war von börsengehandelten Indexfonds (ETFs) absolut begeistert, nachdem ich von ihnen in den Finanzmedien gelesen hatte.

 

Außerdem habe ich ja vor nicht langer Zeit eine Ausbildung zum Fachjournalisten (FJS) absolviert und meine Abschlussarbeit in Form eines Features (spezielle journalistische Darstellungsform) über den Aufbau einer privaten Altersvorsorge mit ETFs geschrieben.

 

Spätestens seitdem war klar, dass ich über ETFs bloggen würde. Außerdem empfiehlt es sich als Blogger, eine Nische zu bedienen. So wird man eher als Experte wahrgenommen.

Für welchen Anlegertyp eignen sich ETFs?

ETFs eignen sich für alle Anleger, die Geld entweder langfristig anlegen möchten oder langfristig ein Vermögen mit regelmäßigen Sparraten aufbauen möchten.

 

Hierfür eignen sich vor allem ETF-Sparpläne, die man bei Direktbanken im Internet abschließen und einrichten kann.

 

Mittels ETFs kann man übrigens in alle Anlageklassen investieren: Also Aktien, Anleihen, Immobilien, Rohstoffe und den Geldmarkt.

 

So senkt man das Risiko, ohne seine Ertragschancen wesentlich zu beschneiden (Moderne Portfoliotheorie).

 

Darüber hinaus kann man auch in Währungen investieren und es gibt viele Spezial-ETFs, auch für Zocker. Die kann ich jedoch normalen Anlegern eher nicht empfehlen.

ETFs sprießen wie Pilze aus dem Boden. Hast Du drei oder vier Hauptkriterien, nach welchen Du ETFs aussuchst?

Zuerst würde ich mir einen Index aussuchen, in den ich investieren möchte. Zum Beispiel den MSCI World Index und den MSCI Emerging Markets Index.

 

Dann würde ich ermitteln, welche ETFs für diesen Index angeboten werden.

 

Und dann würde ich schauen, wie hoch das Fondsvolumen jeweils ist (besser mindestens 100 Mio. Fondsvolumen) und wie hoch die TER (Gesamtkostenquote) ist.

 

Dann würde ich den ETF nehmen, der über 100 Mio. Fondsvolumen hat und die niedrigste Gesamtkostenquote.

 

Und ein letztes Kriterium ist für mich, ob der jeweilige ETF sparplanfähig ist, das ist nämlich nicht jeder Indexfonds.

Wann ist es besser einen ausschüttenden ETF und wann einen thesaurierenden ETF zu kaufen?

Das hängt einerseits von den Anlagezielen ab: Wenn ein Anleger langfristig Vermögen aufbauen möchte, sollte er eher einen thesaurierenden Indexfonds kaufen, der die Erträge und Dividenden wieder anlegt.

 

Möchte er dagegen regelmäßiges Zusatzeinkommen, dann sollte er eher einen ausschüttenden ETF kaufen, z. B. einen Dividenden-ETF.

 

Und schließlich spielen steuerliche Gesichtspunkte noch eine Rolle: Denn ausländische thesaurierende ETFs, die physisch replizieren, machen bei der Steuer viel Arbeit, da sollte man vielleicht besser Swap-basierte ETFs kaufen. Oder aber ETFs, die in Deutschland ihr Fondsdomizil haben.

Eignen sich ETFs auch als kurzfristige Geldanlage? Sagen wir für eine Haltedauer von drei bis fünf Jahren?

Man kann Anleihen-ETFs kaufen, die Anleihen mit dieser durchschnittlichen Haltedauer enthalten. Das ist problemlos möglich.

 

Für eine noch kürzere Haltedauer gibt es Geldmarkt-ETFs, die ich jedoch aus Kostengründen eher nicht empfehle, da würde ich mir eher ein „gut“ verzinstes Tagesgeldkonto suchen.

 

Dafür findet man in jeder Ausgabe von „Finanztest“ eine Übersicht.

Kann ich Vermögenswirksame Leistungen (VL) mit ETFs ansparen? Gibt es etwas, was der VL-Sparer unbedingt beachten sollte?

Vermögenswirksame Leistungen (VL) sind kleinere Beträge, die der Arbeitgeber seinem Arbeitnehmer zusätzlich zum Gehalt zahlt.

 

Einzelheiten hierzu sind in der Regel im Arbeitsvertrag oder im zugrunde liegenden Tarifvertrag geregelt.

 

Viele Arbeitnehmer haben zwar Anspruch auf VL, doch längst nicht alle nutzen diesen.

 

VL-Aktiensparpläne laufen generell sieben Jahre. Dabei zahlen Sparer sechs Jahre in den Vertrag ein und können nach einer Ruhephase von einem Jahr über das angesparte Geld verfügen.

 

Wer sich für einen Sparplan auf Basis eines ETF-Aktienfonds entschieden hat, muss sich im nächsten Schritt einen Aktien-ETF, einen Fondsvermittler und eine Fondsbank auswählen.

 

Hier kann ich beispielsweise cominvest empfehlen, die haben das größte Angebot an VL-fähigen ETFs, und arbeiten mit der Fondsbank ebase zusammen.

Ich möchte hundert Euro jeden Monat in einen Wertpapiersparplan einzahlen. Welche ETFs sollte ich kaufen? Beziehungsweise welche Indizes sollten die ETFs nachbilden? Oder genügt ein „All-Round“-ETF?

Wer beispielsweise bei comdirect ein Depotkonto einrichtet, kann bereits ab 25 Euro regelmäßiger Sparrate einen ETF-Sparplan abschließen.

 

Mit 100 Euro pro Monat kann man damit in vier verschiedene ETFs sparen.

 

Ich würde folgende Indizes auswählen:

  • MSCI Emerging Markets Index (800 Unternehmen aus 23 Schwellenländern)
  • MSCI World Quality Factor (Qualitätsaktien)
  • MSCI World Value Factor (Value-Aktien)
  • Stoxx Global Select Dividend 100 (Dividendenaktien weltweit)

 

Dabei kämen konkret folgende ETFs zum Einsatz:

  • Source MSCI Emerging Markets (ISIN:DE000A1JM6G3)
  • iShares MSCI World Quality Factor (ISIN: DE000A12BHE5)
  • iShares MSCI World Value Factor (ISIN: DE000A12BHG0)
  • iShares Stoxx Global Select Dividend 100 (ISIN: DE000A0F5UH1)

 

Bei anderen Online-Brokern gibt es die Mindestspargrenze von 50 Euro pro ETF-Sparplan, da würde ich in zwei Indizes investieren, zum einen in den MSCI World Index, zum anderen in den MSCI Emerging Markets Index, die beide sparplanfähig sind und für die es zum Teil Sonderaktionen gibt, so dass man auch noch die Ordergebühren spart.

Was sind synthetische ETFs? Ist es empfehlenswert mein Geld hier anzulegen?

Es gibt drei Arten, wie ETFs einen Index nachbilden:

  • Physische Replikation (vollständig)
  • Physische Replikation (Sampling)
  • Synthetische Replikation.

 

Bei der physischen Replikation werden tatsächlich die Wertpapiere gekauft, die im Index enthalten sind. Entweder vollständig oder teilweise (Sampling).

 

Ein sogenannter Swap-ETF investiert dagegen in einen beliebigen Aktienkorb (Aktien-ETF) oder beliebigen Rentenkorb (Renten-ETF) sowie in einen Index-Swap.

 

Deshalb unterscheiden sich diese Aktien- bzw. Rentenkörbe von ETF-Anbieter zu ETF-Anbieter.

 

Hinter diesem Vorgehen steckt die Absicht, das Fondsvermögen nicht durch zusätzliche Kosten zu belasten.

 

Zum anderen investiert der Swap-ETF auch in einen Index-Swap, worunter man ein Tauschgeschäft zwischen den zwei Vertragspartnern Fonds und Bank als so genannter Swap-Kontrahent (Gegenpartei) des ETFs versteht.

 

Gemäß der Vorschriften der UCITS darf der Anteil des Index-Swaps 10 Prozent des Nettoinventarwertes eines ETFs nicht überschreiten. Diese maximal 10 Prozent bilden dann das so genannte Kontrahentenrisiko.

 

Dabei verpflichtet sich die Bank, die Performance des Indexes auf täglicher Basis bereitzustellen. Das bedeutet, dass der Swap-Kontrahent auf täglicher Basis die Performance des Indexes zur Verfügung stellt und somit nahezu eine 1:1-Abbildiung des Indexes gewährleistet.

 

Insgesamt ist ein Index-Swap nichts anderes als eine Schuldverschreibung. Deshalb gibt es hier ein Gegenparteirisiko.

 

Geht der Swap-Kontrahent insolvent, kann auch der Swap wertlos werden. Deshalb ist die Verwendung von Swaps in einem ETF auf maximal 10 Prozent des Nettoinventarwerts begrenzt.

 

Genau dieses Kontrahentenrisiko macht den Anlegern seit der Lehman-Brothers-Pleite Sorgen. Deshalb werden viele ETFs von den Anlagegesellschaften übersichert.

 

Sollte der Swap-Partner ausfallen, kann auf diese Übersicherung zurückgegriffen werden. Dadurch wird bei einem Swap-ETF das Kontrahentenrisiko praktisch ausgeschaltet.

 

Also kann man meiner Meinung nach Swap-ETFs bedenkenlos kaufen. Ich schätze das sogenannte Gegenparteirisiko als nicht so hoch ein.

Ist es sinnvoll das Depot lediglich mit ETFs zu bestücken?

Aus meiner Sicht spricht überhaupt nichts dagegen. Außerdem rate ich eher davon ab, Einzelaktien zu kaufen (wegen der mangelnden Risikostreuung) und für aktiv gemanagte Fonds mit einem Ausgabeaufschlag spricht rein gar nichts, da sie in 80 Prozent der Fälle sogar schlechter abschneiden als ETFs.

Welche Nachteile und Risiken haben ETFs?

Man kann mit konventionellen ETFs nicht den Index schlagen.

 

Außerdem gibt es bei den synthetisch replizierenden ETFs ein Gegenparteirisiko, dass ich aber real als nicht sehr hoch einschätze wegen der Sicherungsmaßnahmen.

 

Aber es gibt schon eine neue Generation von ETFs unter dem Stichwort Smart-Beta-ETFs, die den Markt mit unterschiedlichen Strategien schlagen wollen.

 

Die Zukunft wird zeigen, ob diese neuen ETFs damit Erfolg haben werden.

Welchen nachhaltigen Finanztipp würdest Du den Leserinnen und Lesern der MoosParade empfehlen?

Erstens die Anlage auf verschiedene Anlageklassen zu verteilen (Asset Allocation) sowie zweitens buy and hold: Kaufen und sehr lange halten. So macht es auch Warren Buffet und der ist ja bekanntlich sehr erfolgreich damit.

Du kennst doch sicherlich eine Börsenweisheit, die höchstwahrscheinlich auch noch in hundert Jahren gilt?

Hin und her macht Taschen leer. Todsicher!

 

Häufige Wechsel im Depot machen nur Banker reich, aber nicht Anleger, denn die dabei regelmäßig anfallenden Transaktionskosten gehen zu Lasten der Rendite des Anlegers.

Welche drei deiner Artikel waren 2015 die am Meisten gelesenen Artikel?

  1. 5 ETFs für meine Strategie zur Kapitalanlage
  2. Welche ETFs soll ich kaufen?
  3. Private Altersvorsorge mit ETFs

 

Das zeigt, dass meine Leser schon konkrete Empfehlungen bekommen wollen.

Welche Projekte planst Du für das ETF-Blog noch so?

Zurzeit liege ich in den letzten Zügen mit meinem E-Book: „Finanzcoaching – für die finanzielle Basis deines Lebens“

 

Dieses hilft meinen Lesern, bei ihren finanziellen Entscheidungen viel Zeit zu sparen. Dieses werde ich dann exklusiv über meinen Blog verkaufen.

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Und für die zweite Hälfte dieses Jahres plane ich einen Premiumbereich, wo ich gegen eine monatliche Gebühr exklusive Informationen, wie zum Beispiel weitere Anlageempfehlungen etc., liefern werde.

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